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Trinkwasserreservoir Stufe 1 (2009)

Ausführlicher Projektbericht 2009

Ein Wasserreservoir auf einem nahe gelegenen Hügel oberhalb des Dorfes soll das in 2008 installierte Wasserleitungssystem ergänzen und die 2 x 10.000 Liter Kunststofftanks ablösen.

Während unseres (Lothar und Marianne Ortmann) vierwöchigen Aufenthalts im Herbst 2009  wollten wir mit den Verantwortlichen im Dorf die Feinplanung vornehmen und  die erste Bauphase dieses Reservoirs  soweit wie machbar realisieren, so dass die Menschen in Nnudu es selbstständig vollenden können.

Wenn alles gut läuft, sollte das Dorf im Sommer 2010 das neue Reservoir in Betrieb nehmen.  Mit einem kleinen Fest könnten wir dann im September 2010 die Fertigstellung und die damit verbundene gigantische Leistung des gesamten Dorfes feiern.

Kaum waren  wir (Lothar und Marianne Ortmann) im September 2009 in Ghana gelandet, hatte sich unser Tempo geändert. Die ungewohnte Hitze und die andersartige Kultur beeinflussten unser Verhalten sehr stark. Nur langsam erholten wir uns vom langen Flug und stellten uns allmählich auf das Klima und die vor uns liegende Zeit ein.

Am Morgen nach unserer Ankunft in Accra klopfte George, unser Freund  aus Nnudu,  gegen neun Uhr  an unsere Hotelzimmertür. Er war schon um fünf Uhr in der Früh in Nnudu aufgebrochen, um uns zu begrüßen und uns auf der Fahrt ins Dorf  zu begleiten.  Unsere 4 Koffer bugsierten wir mit seiner Hilfe in den Überlandbus,  suchten uns einen Platz und warteten. Erst wenn der Bus voll besetzt ist,  geht die Fahrt los  – und das kann dauern. Auf den  letzten Kilometern wurden Lothar und ich immer ruhiger. Wir spürten eine seltsame Anspannung und Nervosität. Welche Situation würden wir vorfinden? In welchem Zustand würde sich das in 2008 installierte Wasserleitungssystem präsentieren? Hatten die Dorfbewohner wirklich die Leitungen und das ganze System wie versprochen gepflegt und instand gehalten? Was sollten wir tun, wenn nicht? Schließlich hatten wir die Fortsetzung unserer Unterstützung nur unter der Bedingung zugesagt, dass die vorhandenen Anlagen auch instand gehalten werden. Nicht nur positive Gedankenblitze schossen uns durch den Kopf. George versicherte jedoch, alles sei bestens, und sie hätten immer gutes Wasser gehabt.

Am Nachmittag  erreichten wir Nnudu. Ein Begrüßungskomitee  erwartete uns.  Mit lautem Hallo hievten die jungen Männer unser Gepäck auf ihre Köpfe und begleiteten uns zu unserer Unterkunft.  Voller Stolz  zeigten sie uns ihre Trinkwasseranlage. Sie hatten sie tatsächlich vorbildlich gewartet und instand gehalten. Langsam löste sich bei uns die Anspannung, und wir waren glücklich und sehr dankbar.

Nach kurzer Verschnaufpause saßen wir mit den Verantwortlichen zusammen. Nur keine Zeit verlieren, ran an die Feinplanung, um möglichst unverzüglich mit dem Ausheben der Baugrube  zu beginnen!

Die Zusammenarbeit knüpfte nahtlos an die positiven Erfahrungen des letzten Jahres an. Der Chief hatte die Besichtigung eines Wasserturms in einem entlegenen Dorf organisiert.  Diese Besichtigung war für uns und die weitere Zusammenarbeit sehr wichtig. Der Chief zeigte so sein Engagement, und wir erfuhren, wie üblicherweise Reservoirs gebaut werden, wenn unbegrenzt Geld von Entwicklungshilfegesellschaften zur Verfügung steht.

In Diskussion mit dem Chief und den Dorfältesten entwickelten wir das Reservoir für Nnudu.  Lothar saß abends bei Schummerbeleuchtung  und berechnete Abmessungen,  Materialmengen sowie Kosten entsprechend seiner vorher erstellten Konstruktionspläne.  Tägliche Arbeitsgruppen wurden organisiert und Einsatzpläne aufgestellt. Nach wenigen Tagen rückte die erste Männergruppe aus, um in Handarbeit mit Schaufeln, Spitzhacken und Eimern die Baugrube auszuheben. Voller Freude nutzten die Männer die gekauften Arbeitshandschuhe. Den Luxus von Arbeitshandschuhen hatten sie bisher nicht kennen gelernt. Sie wurden nummeriert und sorgfältig jeden Abend eingesammelt, damit die nächste Gruppe sie am Folgetag benutzen konnte.  Unsere Sicherheitsstandards durften wir nicht anlegen. Viele Männer standen in Flip-Flops in der Baugrube, manche auch barfuss. Für Lothars Gummistiefel zum Waten im Beton beim späteren Gießen der Fundamentplatte war der Polier letztendlich aber doch sehr dankbar.

Das Ausheben der Baugrube gestaltete sich äußerst schwierig und zeitaufwendig.  Unsere Geduld wurde wieder einmal auf die Probe gestellt.  Wir hatten den Aufwand unterschätzt. Kein Wunder, denn bei uns greifen wir auf Maschinen zurück. Große Felsbrocken von bis zu 3m³  mussten von Hand zerkleinert und weggeräumt werden und davon gab es sehr viele.  Unser Traum – vielleicht die Anlage trotz der Kürze unseres Aufenthalts noch selbst in Betrieb zu nehmen – löste sich schnell in Wohlgefallen auf.  Zeitweilig arbeiteten die Männer Tag und Nacht; sie demonstrierten uns ihren Einsatzwillen und auch ihre körperliche Kraft.  Ihre Freude und Fröhlichkeit schallte über die Baustelle.

Lothar kaufte mit dem Chief zwischenzeitlich die erforderlichen Baumaterialien. Je 6 Lkw-Ladungen Bausand und Steine wurden nach und nach geliefert;   zusätzlich 9 Tonnen Baustahl, 700 Sack Zement und je 120 Schalbretter und Kanthölzer von 5m Länge. Das gesamte Material wurde in „Kopfarbeit“ über 300 bis 400 Meter Entfernung hoch auf die Baustelle transportiert.

Transportarbeit ist in erster Linie Frauenarbeit. Bei diesem Gemeinschaftsprojekt beteiligten sich aber alle Bewohner. Vom Greis bis zum Kind waren  sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten aktiv und erbrachten die gigantische Transportleistung. An Sonntagen wurde die Arbeit ausnahmsweise mit Keksen belohnt.

Ich selbst trug erstmalig Lasten auf meinem Kopf. Aus Rücksicht erhielt ich eine kleinere Schüssel und wurde umfassend eingewiesen. Das Gelächter war groß, als ich mich beim ersten Mal nicht besonders geschickt anstellte. Regelmäßiges Üben erleichterte mir zwar das Tragen, machte mich aber nicht zur Meisterin.  Bei mehr als dreißig Grad war ich nach zwei Stunden jedes Mal völlig geschafft. Wesentlich leichter fiel mir, Sand und Steine zu schaufeln und die zu tragenden Behälter zu füllen. Lothar rackerte derweil auf der Baustelle.  Müde und zufrieden fielen  wir abends nach einem leckeren Essen ins Bett.  Manchmal teilten wir uns vorher noch eine Flasche Bier und stimmten mit dem Chief die anstehenden Arbeitsschritte ab. Sichtlich zufrieden genoss auch er sein Bier nach einem arbeitsreichen Tag.  Schon um sechs Uhr in der Frühe starteten wir dann  wieder mit der Dorfbevölkerung  den nächsten Arbeitstag.

Nachdem die Baugrube in zweiwöchiger Arbeit endlich ausgehoben war, wurden die verbliebenen Felsenreste mit in eine bis zu 1,80m dicke und mit selbst gebogenen Baustahlgittern verstärkte Fundamentplatte einbetoniert, bevor die eigentliche, 40cm dicke armierte Bodenplatte gegossen wurde. Alles musste ohne Maschinen erfolgen, nur mit Handmetallsägen und hohlen Stahlrohren von 1 Yard Länge machten die beiden Eisenbieger mit ihren Gehilfen nach und nach aus den 9 Tonnen Eisenstäben starke Stahlmatten und –körbe, während die beiden Zimmerleute sich über den neuen Fuchsschwanz und die Hämmer und kiloweise Nägel freuten und aus dem Bauholz anfangs abenteuerlich aussehende, aber sehr effektive Schalungen, Verstrebungen und Gerüste bauten.

Auf dem Hügel mischten die Männer Sand, Zement, Steine und Wasser mit Schaufeln zu Beton, um ihn mit zwei Schubkarren, Kopfpfannen und Eimern an die Verwendungsstelle zu bringen. Hier übernahmen die beiden Poliere das Gießen und Verdichten des Betons. Dieser unentgeltlichen Schwerstarbeit und dem zu beobachtenden Engagement der gesamten Dorfbevölkerung  zollen wir höchste Anerkennung. Dazu wären wir körperlich in diesem Maße nicht fähig gewesen. Wir erlebten am eigenen Leibe nur einen kleinen Anteil dieser Kraft raubenden manuellen Arbeiten, wohl aber eine tiefe Dankbarkeit und Freude über den guten Arbeitsfortschritt ohne Unfälle oder ernsthafte Verletzungen.

Am letzten Tag unseres Aufenthalts in Nnudu erhielten wir nach einer kurzen Rede auf der Baustelle ein Abschiedsgeschenk des Dorfes. Ein Schneider im Nachbardorf hatte einfache aber symbolträchtige Kleider genäht. Natürlich zogen wir sie noch auf der Baustelle an.  Danach beendeten wir unseren Aufenthalt, fuhren mit dem TroTro zum Flughafen und erreichten müde und glücklich noch rechtzeitig den Flieger.

Wir gingen davon aus, dass das beschaffte Material und die mit dem Chief und allen Facharbeitern diskutierten, hinterlassenen Planskizzen und Beschreibungen der Arbeitsabläufe zur Vervollständigung des Bauwerks ausreichen sollten, endgültig würden wir es erst nach Fertigstellung wissen.

Die vor Ort noch zu ergänzenden Arbeitsschritte umfassten zunächst die Stahlarmierung und die innere und äußere Verschalung mit Holzbrettern, die mit Kanthölzern und im Wald geschlagenen  Baumstämmen ebenso abgestützt wurden wie die errichteten Gerüste zum Gießen der Wände des Reservoirs. Das alles schafften die Bewohner von Nnudu in eigener Regie noch vor Weihnachten. Am ersten Weihnachtstag berichtete der Chief in einem Telefonat voller Stolz, freudig erregt und mit sich fast überschlagender Stimme, dass das Betonieren der 5 Meter hohen Wände gelungen sei. In einer Großaktion des gesamten Dorfes wurde in  mehreren Schichten  über 48 Stunden Tag und Nacht gearbeitet.  Männer mischten unaufhörlich Beton, trugen diesen mit Eimern zur Baustelle.  Andere Dorfbewohner zogen die Eimer auf das 6 m hohe Gerüst, um dann den Beton in die Schalwände zu gießen. Die Frauen trugen die leeren Eimer zum Betonmischplatz und sorgten auch für den Nachschub an Sand und Steinen. Gemeinsam und hervorragend organisiert gelang dieser für uns unvorstellbare Kraftakt. Die Weihnachtstage verbrachte das Dorf glücklich und dankbar, wenn auch aufgrund der Müdigkeit in ungewohnter Stille. Nach dieser arbeitsintensiven Zeit am Reservoir rief auch wieder die Arbeit auf den Feldern. In den nächsten Wochen konnte der Beton der Reservoirwände aushärten.  Anschließend entfernten sie die Verschalung und reinigten das Reservoir. Bei der Dachgestaltung ergaben sich Fragen, die telefonisch nicht zu klären waren. Daher beschlossen wir, die Restarbeiten während unseres Aufenthalts im September/Oktober 2010 durchzuführen.



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