Zapfsäulen und Leitungsnetz (2008)
Ausführlicher Projektbericht 2008
In den ersten zwei Tagen nach unserer Ankunft verschafften wir uns auf einschlägigen Märkten in Accra einen Überblick über verfügbares Material. Wir fanden heraus, dass viele der benötigten Teile in Ghana gefertigt werden und bei vergleichbarer Qualität deutlich billiger als Importe sind. Die ermittelten Abmessungen und Preise erwiesen sich später auch bei der Kostenplanung und –kontrolle als hilfreich. Lothar kontaktierte auch mögliche Installateure. Den letztendlich beauftragten Installateur vermittelte uns Mr. Adipa, der aus Nnudu stammt und in Accra lebt. Er stellte uns auch als Besucher der Gemeinde Räumlichkeiten in seinem Elternhaus in Nnudu zur Verfügung. Auf diese Weise lebten wir mitten im Dorf. Wir genossen die Gastfreundschaft und Fröhlichkeit der Menschen. Schritt für Schritt tauchten wir in diese andere Kultur und in das quirlige Dorfleben ein.
Nach unserer Ankunft in Nnudu begleiteten uns die Dorfältesten auf unserem Erkundungsgang durch das Dorf. Sie zeigten uns die bisherigen Wasserstellen und erläuterten die besonderen lokalen Verhältnisse. Die Brunnen wurden innerhalb der letzten 30 Jahre von Entwicklungshilfeorganisationen angelegt. Alle drei vorhandenen Bohrlöcher sind unweit der Straße gelegen und mit schwer zu bedienenden Handpumpen versehen. Jugendliche und Kinder pumpen hier morgens und abends das Wasser aus bis zu 100 m Tiefe herauf in Eimer, Kanister und Wannen. Diese bis zu 25 Kg schwere Fracht tragen sie dann auf dem Kopf über Stock und Stein zu den bis zu 1 km entfernt liegenden Häusern. Wir waren nicht in der Lage, diese Behältnisse auf unsere Köpfe zu bugsieren, geschweige denn sie zu transportieren. Wer diese schwere Arbeit mit angesehen hat, versteht die große Freude der Menschen, wenn sie heute „nur“ einen Wasserhahn an der Gemeinschafts-Zapfstelle aufdrehen müssen und sich der Transportweg auf max. 300 m verkürzt hat.
Während unseres Rundgangs zeigten uns die Dorfältesten einen Felsenhügel oberhalb des Dorfes, der sich als geeigneter Ort für die notwendigen Wassertanks herausstellte. Der Weg dahin führt durch dschungelartiges Buschwerk und ist teilweise sehr steil. Mit Fahrzeugen gleich welcher Art ist dieser Hügel nicht zu erreichen.
Schon für den Nachmittag berief der Chief des Ortes, Nana Mireku II, den Ältestenrat ein – etwa gleichzusetzen mit unserem Gemeinderat. In einer öffentlichen Versammlung stellten wir uns vor und präsentierten unsere Projektvorstellungen. Neben den Dorfältesten stellten auch andere Bewohner Nnudus kritische Fragen zur geplanten Vorgehensweise.
Die Verständigung war nicht ganz einfach. Ausführungen, Fragen und Antworten mussten stets aus dem Englischen in die Stammessprache „Twi“ übersetzt werden. Wir stießen dabei auch mit unseren Englischkenntnissen an Grenzen. Die für uns sehr beeindruckende Atmosphäre war geprägt von der Bandbreite zwischen traditionellen, würdevollen Stammesriten in entsprechend feierlicher Kleidung der Einheimischen und unserem europäisch geprägten Sachdenken. Wir waren insbesondere ausgerichtet auf einen möglichst zügigen Projektstart und ein gemeinsames planvolles Arbeiten zur Umsetzung eines technisch und finanziell möglichen mehrjährigen Stufenkonzeptes. Es ergab sich eine sehr aufschlussreiche Diskussionsrunde.
Am Ende der Diskussion war uns allen klar, dass die im Vorfeld angedachte Übergangslösung ohne Einsatz einer Elektropumpe den meisten Menschen im Ort keine substantielle Verbesserung ihrer Lebenssituation bringen würde. Sie wollten eher im ersten Jahr auf Versorgungsleitungen für einzelne verstreut liegende Ortsteile verzichten, als auf eine Elektropumpe. Es wurde deutlich, dass das Projekt nur mit intensiver Eigenleistung der Bevölkerung umsetzbar sein würde. Wir ahnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, mit welcher Knochenarbeit diese Tätigkeiten – in der afrikanischen Hitze und nur mit einfachsten Werkzeugen (Spitzhacken, Schaufeln und Macheten) bei überwiegend felsigem Boden – verbunden sind. Es bestand Einigkeit darüber, dass der Aufbau einer öffentlichen Trinkwasserversorgung nur in einem mehrjährigen Stufenkonzept mit Vereinsmitteln zu realisieren sein würde.
Ein gemauertes großes Wasserreservoir und eine Fotovoltaikanlage für den Betrieb der Wasserpumpe könnte frühestens im zweiten Schritt umgesetzt werden. Die Bewässerung der Felder bleibt noch für lange Zeit Wunschdenken.
Zu unserer Verblüffung endete diese Diskussionsrunde nicht mit einem Beschluss, so wie wir es aus unserem beruflichen Alltag gewohnt sind. Der Ältestenrat bedankte sich ausgiebig für unsere Ausführungen und Antworten und entließ uns mit der Aussage, dass sie sich zur Beratung zurückziehen und uns ihre Beschlüsse mitteilen würden. Leicht irritiert verließen wir die Sitzung. Wir hatten gerade den ersten Teil eines mustergültigen demokratischen Prozesses erlebt. Nach mehreren Ältestenrat-Sitzungen und Gemeindeversammlungen informierte uns der Chief nach drei Tagen über den endgültigen Beschluss. Wir könnten wie vorgeschlagen das Projekt starten und uns der tatkräftigen Unterstützung aller Bewohner sicher sein. Alle im Dorf anwesenden arbeitsfähigen Männer verpflichteten sich zur Mitarbeit. Gemeinsam starteten sie am traditionellen Communal Labour Day (d.h. alle arbeiten an jedem Donnerstag für das Gemeinwohl). An diesem ersten Tag schlugen sie den Hügel und die erste Dschungeltrasse entlang des von Lothar und dem Projektverantwortlichen Yao mit einer farbigen Wäscheleine markierten Weges mit ihren Macheten frei. Üblicherweise werden von den Männern alle anfallenden Arbeiten mit der Machete ausgeführt. Es standen lediglich eine Spitzhacke und 2 Schaufeln für das ganze Dorf zur Verfügung. Um den Leitungsgraben auszuheben mussten erst einmal Schaufeln und Spitzhacken im nächsten Ort gekauft werden. An den nächsten Werktagen war jeweils eine Arbeitsgruppe von 20 bis 25 Personen – geführt von jeweils einem Vorarbeiter - im Einsatz. Yao organisierte vorbildlich die Arbeitsgruppen und den täglichen Arbeitseinsatz. Die mit uns abgestimmten Arbeitsschritte wurden so unter seiner Leitung erledigt und die Leitungsgräben in der erforderlichen Tiefe ausgehoben.
Die Standorte der neu zu errichtenden Zapfsäulen und auch die ersten Leitungstrassen wurden vor dem Projektstart mit dem Chief gemeinsam festgelegt. Im weiteren Verlauf überraschte uns Yao mit seinem Interesse und Engagement. Er schaute sich vieles ab, hörte aufmerksam zu, lernte sehr schnell und übernahm Verantwortung für das Projekt. Er sorgte mit dafür, dass auch nach unserer Abreise weitere Leitungen verlegt und Zapfsäulen angeschlossen wurden. Er und der Chief überzeugten die Bewohner von der Notwendigkeit, Leitungsgräben über Höfe oder durch bewirtschaftete Gärten zu legen. Die traditionelle und die persönliche Autorität des Chiefs waren zusammen mit dem vorangegangenen Beschluss mit dafür ausschlaggebend, dass diese Unannehmlichkeiten Einzelner zum Gemeinwohl Aller akzeptiert wurden.
Wir konnten uns zunächst auf Auswahl, Finanzierung und Beschaffung des benötigten Materials konzentrieren als Grundlage für die Feinplanung. Lothars berufliche und privaten Vorkenntnisse und Erfahrungen waren sehr nützlich in dieser Phase. Er erstellte zunächst eine Grobplanung und verfeinerte sie Zug um Zug jeweils für die nächsten notwendigen Schritte. Exakte Abmessungen waren zum Beispiel erst nach Freischlagen der geplanten Trasse durch den Dschungel möglich. Ein konkreter Lageplan des Dorfes mit Straßen, Wegen, Häusern und vorhandenen Leitungen existierte nicht. Die ersten Ansätze dafür hat Lothar im Verlauf der Projektarbeit erstellt, um Leitungen und Anlagen bei späterer Instandhaltung und Vervollständigung auch wieder zu finden und vor Beschädigung schützen zu können.
Gemeinsam mit dem Installateur und George – der uns jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stand und für unser Wohlbefinden sorgte – kaufte Lothar in Accra das erforderliche Material. Für den Transport des Großmaterials (1.500 m flexible Wasserrohre, Elektropumpe und 2 10.000 Liter Kunststoffwassertanks) musste ein LKW mit Fahrer gemietet werden. Eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit erreichten sie das Dorf und wurden begeistert empfangen. Erwachsene und Kinder halfen voller Freude beim Abladen und Verstauen der Teile in unserem Hof. Die besorgten Kleinteile brachte der Installateur am nächsten Tag mit. Die Arbeitsgruppe hatte inzwischen auch die zweite Leitungstrasse zum Hügel freigeschlagen. Auf dieser Trasse rollten die Männer dann die beiden Wassertanks bis auf den Hügel, schleppten gemeinschaftlich die schweren Wasserleitungsrollen zu den ausgehobenen Gräben und rollten Sie aus. Der Installateur brauchte nur noch die Verbindungen herzustellen und die Anschlüsse zu montieren. In sehr kurzer Zeit wurden 600 m flexible Wasserrohre (eine Speiseleitung vom Bohrloch zu den Tanks aufwärts und parallel im selben Graben eine Transportleitung abwärts zum Verteilen von den Tanks zu den Zapfstellen) verlegt. Am späten Abend wurde auch noch die ins Bohrloch herabgelassene Wasserpumpe angeschlossen. Bis die Elektriker den vorbereiteten Anschluss zum Zähler der Gemeindebibliothek mit der Wasserpumpe verbunden hatten und die Pumpe erstmals eingeschaltet werden konnte, war es dunkel geworden. Die kindliche Freude, die wir und die umstehenden Dorfbewohner empfanden, als das erste hochgepumpte Wasser am oberen Ende des Bohrlochs in die Leitung rauschte, war unbeschreiblich. Sie allein motivierte uns alle schon zum „Weitermachen“. Rasch liefen alle über Stock und Stein auf den Hügel. Wir lauschten gespannt mit den Ohren an der Leitung liegend: erreicht das Wasser auch wirklich die Tanks auf dem Hügel? Es dauerte noch einige Minuten der Hochspannung, bis das Wasser die Luft aus der 63mm dicken Speiseleitung verdrängt hatte und von oben in die Tanks platschte. Beim ersten Rauschen brach die gesamte Runde in helle Jubelschreie aus. Die Freude kannte keine Grenzen. Gestandene Männer weinten vor Freude, lagen sich in den Armen und jubelten. Alle Mühen und Anspannungen waren vergessen. Beim Schreiben bekomme ich jetzt noch eine Gänsehaut. Es war ein grandioses Erlebnis.
Am nächsten Tag gab es dann den großartigen feierlichen Moment, als das erste Wasser aus dem ersten angeschlossenen Gemeinschafts-Zapfhahn floss. Es stellten sich aber auch einige kleinere Undichtigkeiten ein, die der Installateur durch Nachziehen der Schraubverbindungen beheben konnte. Diese Arbeiten erfolgten ebenso unspektakulär wie nach und nach die Installation weiterer Gemeinschafts-Zapfsäulen an den vorbestimmten Plätzen und ihr Anschluss. Eifrig hoben die Arbeiter Meter für Meter die erforderlichen Gräben aus und verlegten die Leitungen. Wir erlebten eine geschäftige, arbeitsintensive fröhliche Zeit. Wenn die Verbindungen auch unter Druck ihre Dichtigkeit unter Beweis gestellt hatten, wurden die vorher grob fixierten Leitungen unter dem zuvor ausgehobenen Sand und Steinen „beerdigt“. Auf den letzten ca. hundert Metern vor und auf dem Hügel stellte sich diese Arbeit als besonders schwierig heraus, da zwischen den ausgehobenen Steinen und Felsbrocken fast nur noch dicke, mit der Machete herausgehackte Wurzeln und kaum noch Sand lagen. Hier wollten die Frauen nach unserer Abreise Sand hinauftragen und mit Flechtwerk auf den Rohrleitungen befestigen. Auf diese Weise würden die Leitungen vor UV-Strahlung, extremer Temperaturschwankungen und mechanischer Beschädigung geschützt.
Während unseres Aufenthalts vor Ort haben wir uns darauf konzentriert, die weiteren Verlege- und Anschlussarbeiten voranzubringen und dabei die dickeren Transportleitungen für die Verteilung in den Vordergrund gestellt. Die Abzweige für die gering dimensionierten Leitungen zu den Zapfstellen haben wir so mitgemacht, wie sie anfielen. Die Männer aus Nnudu haben sich so lernfähig und wissbegierig gezeigt, dass wir sicher sein konnten, dass sie diese Arbeiten zusammen mit dem Installateur auch nach unserer Abreise zu Ende führen konnten. Vor diesem Hintergrund haben wir knapp eine Woche vor unserer Abreise noch weitere 800 m Leitungsmaterial besorgt, obwohl wir nur die ersten Rollen davon noch selbst mit verlegen konnten. Die Dorfbewohner haben in den nächsten Wochen die Arbeiten tatsächlich allein fortgeführt und komplettiert haben. Hier ist uns die Hilfe zur Selbsthilfe im besten Sinne gelungen.
Wie uns der Chief sagte, waren die Menschen so begeistert von den neuen Zapfstellen, dass die beiden verbliebenen Handpumpen nur noch selten benutzt werden. Wir sind davon überzeugt, dass sowohl der Chief als auch Yao ihre Leute sehr stark zum Weiterarbeiten motiviert haben. Die beiden hatten oft genug selbst Hand angelegt und waren mit gutem Beispiel vorangegangen. Vielleicht hat auch unsere aktive Mitarbeit zur Motivation beigetragen, uns hat die Arbeit mit Schaufel und Spitzhacke jedenfalls sehr viel Freude bereitet.
Wir sind gespannt, in welchem Zustand wir die Anlage bei unserem nächsten Aufenthalt vorfinden werden. Die Verantwortung für die Wartungsarbeiten haben die Dorfbewohner per Handschlag übernommen und für Reparaturarbeiten steht ein Installateur zur Verfügung.
Neben der einfachen Technik und einer von Hand ein- und auszuschaltenden Pumpe wird die natürliche Gravitation zur Verteilung des Wassers von den Tanks bis hin zu den Zapfhähnen genutzt. Innerhalb des ersten Jahres werden daher voraussichtlich keine komplizierten Wartungsarbeiten anfallen.
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